Gummifische in Norwegen

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Beitrag von Volker Dapoz      (Originaltext nachzulesen im Blinker 12/2006)

 

Obwohl wir reichlich geschützt sind, treiben uns die gelegentlichen Märzböen immer wieder sprungweise voran. Es ist eine Notlösung, aber auf unsere Tiefseeplätze kommen wir bei diesem Wetter heute auf keinen Fall. Allerdings ist im Frühjahr auch nicht allzu viel im flachen Wasser vor unserem Ferienhaus zu erwarten. Mit den Dorschbeständen sieht es hier im Süden Norwegens nicht so gewaltig aus. Also fügen wir uns und testen unsere Gerätekiste einmal von A bis Z durch, denn irgendwie geht so gut wie nichts. Die meisten Pilker sind zu schwer, denn auf 50 bis 80 Gramm sind wir gar nicht eingerichtet. Bei der Tiefe von 10 bis 20

Meter fängt schweres Gerät überhaupt nicht. Ich bastele mir ein leichtes Naturködervorfach, habe aber nur ein paar Fischfetzen zum Beködern. Larssen hat wenigstens noch ein paar Meerforellenköder dabei, die aber wiederum zu leicht sind. Bis er aus den Tiefen seiner Köderbox einen mittleren Gummifisch hervorkramt, der auf einen 50 gr Bleikopf montiert ist. Ich fasse es kaum! Da dümpeln wir zwei Stunden fast ohne Ausbeute herum und Larssen kriegt auf einmal Fischkontakte in Folge! Allerdings gehen die meisten Anhiebe ins Leere!

 

Diesmal klappt es! Die Peitsche ist krumm und nach wenigen Minuten kommt ein dicker Dorsch an die Oberfläche. Der 12-Pfünder wird uns schmecken, denn  bislang sah für unser Abendbrot reichlich schlecht aus. Wir bleiben noch eine knappe Stunde und Larssen hat noch zwei oder dreimal Glück, wir setzen die gepunkteten Leoparden aber zurück. So langsam wird mir das Spielchen zu bunt und kalt ist mir auch, wir setzen uns also in unseren kleinen Naturhafen ab.

 

Ähnliche Geschichten könnte ich reichlich erzählen; Situation in denen fast nichts ging, der Gummifisch aber noch einen Überraschungserfolg brachte. Diese Erfahrung teilt ohne Zweifel eine ganze Reihe von Meeresanglern mit mir. Um so mehr verwundert es, weshalb sich der Gummifisch für Norwegenfahrer noch nicht so stark durchgesetzt hat. Zumindest auf den ersten Blick. Im Süßwasser haben die Shads und Twister Erfolgsgeschichte geschrieben. Anfang der 90er Jahre haben sie einen Senkrechtstart hingelegt, heute gibt es wohl keine Größe und Farbe, die nicht den Weg in die Geschäfte gefunden hat. Doppel- und dreifachschwänzig, gerippt, gepunktet, kombiniert, geglittert, selbstleuchtend – einfach in allen Variationen. In den Pilkeimern der gewieften Ostsee- und Norseeangler finden sich heute ebenso viel „Rubberlures“ wie Pilker, gerade bei den Krabben fressenden Dorschen sind 15 cm Gummi in dunkelrot absolut unschlagbar. Und doch werden sie in Norwegen weit seltener eingesetzt, als ihre Fängigkeit eigentlich hergibt. An der Verfügbarkeit liegt es nicht. Schon vor fast 15 Jahren gab es die ersten „Dorschbomben“ – Bleiköpfe mit bis zu 500 Gramm und eingesetzten oder beweglichen meerestauglichen Haken. Heute erobern sich die Seashads ihre Fangemeinde, das sind die Gufis mit Blei-Inlay. Allerdings nicht besonders schwer, was die Breite des Einsatzes ein wenig einschränkt. Aber um auf die eigentliche Frage zurück zu kommen. Obwohl Gufis außerordentlich fängig sind, werden sie in Norwegen nur im Randbereich eingesetzt. Es gibt nämlich einen wesentlichen Punkt, der allen zu schaffen macht. Man bekommt zwar sehr viele Attacken auf Gummiköder, aber der Anteil der gelandeten Fische ist außerordentlich gering.

 

Diese Problematik verlangt eine nähere Betrachtung. Konstruktionsbedingt verfügt der Gummifisch über einen Bleikopf mit einem eingegossenen oder beweglichen Einzelhaken. Drillinge verbieten sich, weil kein Gummifisch aufgezogen werden kann. Für die bestehenden Tiefen muss natürlich auch ein entsprechend schwerer Bleikopf vorgesehen werden. Häufig sind 200 bis 300 Gramm erforderlich. Bleiköpfe in dieser Größe müssen natürlich mit vergleichsweise großen Einzelhaken ausgestattet sein und genau da liegt das Problem. Bei den schnellen Attacken greift Dorsch und Co häufig daneben und zweitens gehen schon angehakte Fische verloren, weil sie den langschenkligen Haken abschütteln können. Das führte bei einer Ausfahrt mal zu der folgenden Statistik. Ich hatte innerhalb einer Stunde an die 50 Attacken, ich verlor 5 Gummis, weil die Schwänze abgebissen wurden, konnte ca. 10 Fische anhaken und bekam aber nur 2 ins Boot, weil die restlichen schon im Mittelwasser ausstiegen. Ein niederschlagendes Resultat! Natürlich kann man dieses Ergebnis verbessern, indem man einen zusätzlichen Drilling anbringt. Vor allem die Boddenangler (Hechtangler der Ostsee) verzichten wohl niemals auf den Schwanzdrilling, auch Angstdrilling genannt, der mehr als die Hälfte der Fische bringt. Wobei man allerdings bei einem weiteren Problem ist, denn beim Vertikalangeln vom Boot wird der Köder ja weniger heran gezupft, als vielmehr gehoben und gesenkt. Geht die Sinkphase senkrecht nach unten, dann verhängt sich der zusätzliche Drilling häufig in der Vorfachschnur. Der Tüdel muss dann erst wieder entfernt werden. Vorteilhafter ist es, den zusätzlichen Drilling mittels Schnurverlängerung durch den Körper des Gummifisches zu fädeln, weil der Stiel des Drillings dann fest verankert ist und nur selten mit dem Schwanz des Gummifisches oder der Mundschnur in Konflikt gerät. Allerdings überleben die Gufis nicht allzu lange, weil nach zwei oder drei Fischen der Angstdrilling mitsamt Schnurverlängerung ausreißt. Man dreht sich also irgendwie im Kreis. Ganz abgesehen davon, dass es auf einem schaukelnden Boot kein Vergnügen ist, mit Mundschnüren, Wickeldraht und Ködernadeln zu hantieren. Was den Austausch von Haken und Gummifischen betrifft, bietet derzeit der neue Giant-Jigkopf  (Seawaver) den bequemsten Einstieg, Shads und Großtwister erfolgreich im größeren Tiefen zu präsentieren. Interessant ist vor allem, dass dieser Köder ganz speziell für das Vertikalangeln konzipiert ist, also die waagerechte Haltung der natürlichen Beute imitiert.

 

Welches Potenzial in der Anwendung von Gummifischen liegt, ist endgültig auf einer Testreise nach Nordnorwegen klar geworden, die wir im Frühjahr 2006 unternommen haben. Unser erster Stopp war in Mefjordvaer auf  Senja, ca. 300 km nördlich der Lofoten. Es ist in Nordnorwegen meist nicht schwierig Fische zu fangen, schwierig ist, sich die Rosinen heraus zu picken. Während auf Pilker und Beifänger meist nur kleine und mittlere Exemplare  kamen, brachte der große Jigkopf mit dem Doppeldrilling überwiegend bessere Fische, wenn auch nicht so zahlreich. Hauptursache ist natürlich, dass der Jigkopf mit Gummifisch bei gleichem Gewicht voluminöser ausfällt, als ein Pilker. Beim Fischen auf Seelachse und Dorsche brachte der Gufi jedenfalls die deutlich größeren Fische. Das ist bestimmt nicht so verwunderlich, echte Überraschungen gab es aber in der Königsdisziplin – dem Fang von Heilbutts. Während konventionelle Methoden (Pilken, Naturköder) im Verlauf der nächsten Tage lediglich ein einziges kleineres Exemplar brachten, konnten wir auf Gummi fast täglich einen kapitalen Heilbutt landen. Die Erfolge waren so durchgreifend, dass selbst die Norweger ein nie da gewesenes Interesse an unseren Fangtechniken zeigten. Auf Senja fanden wir heraus, dass der Gummifisch nicht direkt am Grund am effektivsten ist, sondern drei bis acht Meter darüber. Meistens spielt der Gummifisch auch schon ausreichend bei Dünung und Windwelle. Großartige Pilkbewegungen sind damit überflüssig, ja unter Umständen sogar schädlich. Ein leichtes Zupfen des Köders ist ok. Nachdem wir uns auf Senja mit zwei Butts von 28 und 18 kg „eingeangelt“ hatten, ging es in ein neues Revier nördlich von Tromsoe, nach Torsvag auf der Insel Vannoy. Die äußeren Inseln Nordnorwegens sind zwar wetteranfällig aber allgemein Toprevier für Heilbutt und so konnten wir die Erfolgsserie nahtlos fortsetzen. Im Vergleich: Während 6 Boote, bewaffnet mit herkömmlicher Angeltechnik, 8 Heilbutt zwischen 3 und 16 Kilo heimbrachten, gab es auf nur einem Boot, ausgerüstet mit Gummifischen und  Jigheads, 7 Heilbutt zwischen 6 und 50 Kilo, genauer 6, 8, 11, 25, 25, 40 und 50 Kilogramm. Nach gründlichem Austausch von Erfahrungen ist dieses Ergebnis selbst für schwedische Spezialisten ein nahezu unglaublicher Erfolg. Selbst der derzeitige Weltrekordhalter Thomas Boege Nielsen aus Dänemark, der seit 6 Jahren mehrere Wochen jährlich in Nordnorwegen auf Heilbutt unterwegs ist, zeigte sich extrem überrascht. Einige erstaunliche Fakten müssen noch genannt werden. Die Tischplatten bissen nicht an einem geheimen Hotspot, sondern an verschiedenen, weit voneinander entfernten Plätzen. Eine besondere Flutzeit konnte nicht festgestellt werden. Die Butts bissen samt und sonders auf Gummifische am großen Jigkopf über Grund. Noch verwunderlicher war, dass die meisten einen vollen Bauch hatten, also nicht besonders hungrig gewesen sein können. Und nicht zu vergessen, natürlich war keiner der Fische irgendwie von außen gehakt, sie haben sich die vermeintliche Praline sehr zielsicher und mit äußerster Vehemenz aus dem Freiwasser „gepflückt“. Noch der Vollständigkeit halber. Die Fangtiefen lagen auf Senja bei 70 bis 80 Meter und auf Vannoy bei ca. 50 Meter. Inwieweit das jahreszeitlich variiert, wird sich noch herausstellen. Faustregel ist, im Frühjahr und Herbst etwas tiefer, im Sommer sind die Butts auch auf recht flachem Gebiet, ja sogar unter 10 m anzutreffen. Der Untergrund der Fangplätze war nicht unbedingt sandig, sondern variabel. Wie bereits erwähnt, sind die Fangchancen in Südnorwegen nicht besonders rosig. Ab der Region Flatanger (Mittelnorwegen) steigen die Erfolgschancen erheblich an. Ganzjährige Topreviere sind die Küstenregionen in Nordnorwegen, wobei sich Frühjahr und Herbst als bessere Fangzeiten herausgestellt haben. Der Juli als durchschnittlich wärmster Monat bildet eine beißfaule Phase.

  

Die Schweden

 

Die schwedischen Sportfreunde haben die Heilbutts schon länger auf ihrem Wunschzettel. Sie haben es ja auch besser, weil sie durchaus in 10 Fahrstunden in Nordnorwegen sind. Ein Gespräch mit einem schwedischen Kollegen (Freddy Johannson, Mitarbeiter der Zeitschrift „Fiskejournalen“)  brachte Erstaunliches zutage. Während vor 5 Jahren in einem spezialisiertem Göteborger Geschäft noch 8 bis 10000 Pilker verkauft wurden und lediglich 1000 bis 1200 große Jigköpfe, liegt das Verhältnis momentan genau andersherum. Verfolgt man die schwedische Presse, sind die Fänge schon seit mehreren Jahren viel regelmäßiger, als wir das aus unseren deutschen Medien kennen. Freddy bestätigte aber auch die konstruktiven Mängel der herkömmlichen Jigköpfe. Wir machten ein zweitägiges Vergleichsfischen und während die schwedische Mannschaft mit den einfachen Jigköpfen keinen Butt erwischen konnte, waren wir mit zwei Anglern (gegen sechs) gleich zweimal erfolgreich, allerdings mit kleineren Exemplaren.

  

Tackle-Box

 

Rute: 30 lbs bs 50 lbs, je nach Ausführung

Rolle: mittlere Multirolle guter Qualität

Schnur: Multifile mit Tragkraft ca. 15 kg ist ausreichend

Vorfachschnur: 0.80 bis 1.00 mm, optimal 0.90 mm, Länge min. 2 m

Köder: GIANT-Jighead oder Storm Gummifisch-Systeme

Farben der Gummis: es konnten keine Besonderheiten festgestellt werden

Weitere Hinweise: Monofiles Vorfach ist unbedingt erforderlich, weil die Geflochtene schnell beschädigt werden kann. Die Butts sollten auf keinen Fall mit Gewalt nach oben gepumpt werden. In der Anfangsphase des Drills kommt es sonst garantiert zu Schnurbrüchen. Die Landung von Butts über 20 kg kann sich außerordentlich schwierig gestalten, weil die Butts über unheimliche Kraftreserven verfügen. Die Benutzung einer Harpune ist für größere Exemplare nahezu unverzichtlich.

  

Tipps und Tricks

 

Es existieren zwei unterschiedliche Fangtechniken. Einesteils direkt hart am Grund und zweitens das schon erwähnte Angeln deutlich über Grund. Die letztere Technik wird für eine ganze Reihe von Fischarten, wie Seelachs und Pollack, schon seit langem praktiziert und verdient eigentlich eine ausführliche Behandlung. Insbesondere sind bei vielen Sportfreunden Unsicherheiten zu beobachten: „Bin ich in der richtigen Tiefe?“, „Führe ich den Köder richtig?“ bzw. „Benutze ich den richtigen Köder?“. Man wird beim Angeln über Grund natürlich selten einen Seewolf, Seeteufel oder Lumb erwischen, aber dafür umso besser die Fischarten, die ihre Nahrung häufig in der Freiwasserzonen aufnehmen, dazu gehört der Dorsch, der Heilbutt, aber auch abgestuft Leng und Schellfisch. Im Übrigen kann es vorteilhaft sein, besonders in Nordnorwegen die allzu häufigen Lumbattacken auszuschalten. Ein weiterer erheblicher Vorteil des Freiwasserangelns ist, dass praktisch nie Köder verloren gehen. Da die Tiefen variieren, empfiehlt es sich, ab und zu kurz auf Grund herunter zu lassen und dann 5 bis 20 Kurbelumdrehungen langsam herauf zu holen. Die Pilkbewegungen sollten nicht allzu aggressiv sein.

 

Wie weit über Grund geangelt werden sollte, hängt selbstverständlich von den einzelnen Gegebenheiten ab. Mit drei Meter ist man aber auf der sicheren Seite. Erfolgen schon beim Ablassen oder Raufholen Attacken in höheren Schichten, sollte man entsprechend korrigieren. Beim Angeln mit dem Giant-Jighead an Grund empfielt es sich zur Hängervermeidung, den vorderen Drilling zu entfernen und den Gummifisch mit leichten Zupfbewegungen wie im Süßwasser zu führen. Der Dickkopf kann nämlich ganz empfindsam sein, es kommt nur auf den Menschen an, der dahinter steckt...

 

 

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